Es ist bereits der Titel des 428 Seiten Buches, der einen neugierig macht. Man fragt sich- soll ich jetzt wirklich 23€ für dieses Hardcover ausgeben?
Wie man diese Frage für sich beantwortet, bleibt jedem selbst überlassen doch hier möchte ich eine mögliche Entscheidungshilfe geben.

Poliner beschreibt eine jüdische Familie, in der Zeitspanne von knapp fünfzig Jahren, der Beginn der Geschichte ist um das Ende des zweiten Weltkrieges herum angesiedelt, in Amerika.
Zur Familie Leibritzky gehören nicht nur Vater, Mutter und die Kinder sondern auch Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen. Erzählt wird hauptsächlich aus Mollys Perspektive, der älteren Tochter des Ehepaar Leibritzkys, doch immer wieder fließen auch Geschehnisse aus der Vergangenheit anderer Familienmitglieder ein, die nach und nach ein Puzzle ergeben. Die einzelnen Fäden der Leibritzkys laufen zusammen und wieder auseinander an dem Tag, an dem Mollys jüngerer Bruder David bei einem Unfall ums Leben kommt.
Wer hatte Schuld? Wie hätte man diesen Unfall verhindern können und wie geht man damit um? Was bedeutet es, ein Jude zu sein und welche Verantwortung hat man gegenüber der Familie und seiner Religion? Darf Liebe sich dieser Verantwortung in den Weg stellen und welchen Preis muss man dafür zahlen?
In Wie der Atem in uns werden all diese Fragen aufgeworfen und auf die eine oder andere Art beantwortet. Dabei geht Molly keineswegs chronologisch vor. Sie erzählt die Geschichte ihrer Familie Kapitelweise und in Episoden deren Zusammenhang sich manchmal erst ein wenig später offenbart. Als Angehöriger einer anderen, oder gar keiner, Religion erhält man einen geradezu intimen Einblick in das Judentum und stark jüdisch geprägte Familienleben der Leibritzkys. Glücklicherweise werden die meisten jiddischen Worte im Anhang übersetzt, so dass man, wenn sich ihre Bedeutung dem Leser nicht direkt erschließt, kurz nachschauen kann.

Elizabeth Poliners Werk hat mir sehr gefallen, wenngleich es eher ruhig war und die Spannungen „lediglich“ familiärer Natur. Möglicherweise kann man sich als Leser selber ein wenig in die Themen und Figuren hineinfühlen und so einen ganz besonderen Draht zu ihnen herstellen.
Besonders interessant fand ich zudem die Vielfalt der Themen und die Feinheit, mit der auf jedes von ihnen eingegangen wurde, ohne es zu sehr in den Mittelpunkt zu rücken oder als unwichtig erscheinen zu lassen.
Wie der Atem in uns ist ein Buch für das ruhigere Lesegemüt dass einem wunderbar viele Denkanstöße zu geben vermag und in das hinein zu schnuppern ich nur (fast) jedem empfehlen kann.