Es kam als Überraschungspost zu mir und hat nichts von seinem Überraschungseffekt verloren. Rattatatam mein Herz beschreibt das Leben eines Menschen mit Angststörung, mit der ständigen Angst zu versagen und sich bloßzustellen. Rattatam erzählt vom Leben der Autorin.

Was wäre, wenn ich jetzt plötzlich umkippe? Was würden die Kollegen sagen? Wieso kann ich mich nicht einfach zusammenreißen? Wieso verschwindest du, du blöde Angst, nicht einfach? Wieso musst du immer da sein und dich in alles einmischen.

Inhalt

Mit diesen wenigen Sätzen sind bereits ein paar der Gedanken Seyboldts zusammengefasst. Seit ihrer Schulzeit leidet sie an ihrer Angststörung und versucht jahrelang, diese zu verstecken. Es gelingt ihr soweit, die Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten, dass sie mit 30 ein selbstbestimmtes Leben führt, in dem fast niemand, außer ihren engsten Freunden und ihrem Beziehungspartner weiß, dass sie in Wahrheit jeden Tag kämpfen muss, um so zu wirken.
Nach einem erfolglosen und einem erfolgreicheren Therapieversuch entschließt sie sich ihre Geschichte öffentlich zu machen, da es schon viele „Outing-Stories“ gibt, diese aber immer anonym verfasst wurden und es so dem Leser scheint, als sei das nur irgendwer anonymes. Solche Dinge passieren ja schließlich nicht im eigenen Umfeld!
Auf ihrem Weg dahin stellt die Autorin mal fest, dass die Leute wirklich keine Ahnung haben, was Angststörung bedeutet, mal, dass sie nicht die einzige ist, die gestresst ist und dass sie sich selber viel mehr unter Druck setzt, als sie das bei einem anderen Menschen je tun würde. Mit der Zeit lernt sie, mit ihrer Angst umzugehen und beschließt das Buch Rattatatam mein Herz zu schreiben.

Meine Meinung

Wie oben erwähnt, steckte das Buch voller Überraschungen. Es gab kürzere Kapitel und längere, manche bestanden sogar aus nur einem Wort doch sie alle boten dem Leser etwas zu lernen, zum Nachdenken und womöglich zum Wiederfinden. Ich bin selber ein sehr vielbeschäftigter Mensch und nicht selten deswegen auch ziemlich gestresst. Zwischendurch erkennt sie: So kann und darf ich nicht weitermachen. Es ist das Wichtigste, den eigenen Ansprüchen zu genügen und mit der Zeit wird sowohl Leser als auch Autorin klar: oftmals malen wir uns viel schlimmere Konsequenzen aus, als jemals eintreten werden.

Für mich macht es einen Unterschied, ob mir irgendein Mensch sagt, Stress sei nicht gut, man solle sich selber akzeptieren und so weiter oder ob man liest, wie jemand das für sich selber erkennt, der unter viel mehr Druck steht als man selber. Ich tue mich ehrlich gesagt sehr schwer damit, einen Gang runterzuschalten und zu akzeptieren, dass ich nicht dafür sorgen kann, dass alles glatt und wie geplant läuft. So eine Einstellung und den Anspruch an sich selber, perfekt zu sein, legt man nicht von heute auf morgen ab, aber solche Bücher helfen, es sich nochmal bewusst zu machen. Sich bewusst zu machen, dass man das sollte und dass es tatsächlich hilft und nicht nur gut gemeintes aber leeres Pseudo-Psychogeschwätz ist.

Der Schreibstil der Autorin hat mir sehr gut gefallen. Franziska Seyboldt schreibt unglaublich bildhaft, so dass man sich ihre Situationen zumindest vorstellen kann. Wer keine Angststörung hat, dürfte jedoch kaum in der Lage sein, es wirklich nachzuempfinden. Nichtsdestotrotz kann man sich ab und zu auch ein wenig selber in dem Buch wiederfinden, was ungemein dabei hilft, die Ratschläge, die es indirekt auch enthält, anzunehmen.
Rattatatam mein Herz ist eine biografische Erzählung und Erklärung, das Öffnen einer Tür in die Welt der Angst und zum Ende hin auch der Hochsensibilität. Es ist eines der wenigen Bücher, dass es schafft, dem Leser ein Thema anschaulich näher zu bringen, wenngleich ein vollkommenes Nachempfinden (und somit Verstehen) fast ausgeschlossen ist. Absolut bemerkenswert meiner Meinung nach und ein wundervoller Beitrag zu der Bekanntmachung von Psychischen Erkrankungen. Denn nur, wenn sie sichtbar gemacht und zumindest ein bisschen akzeptiert werden, kann die Stigmatisierung der Betroffenen ein Ende finden.

Rattatatam mein Herz* | Franziska Seyboldt | 256 Seiten | 16,99 € | Kiepenheuer und Witsch Verlag

 

*Rattatam mein Herz wurde mir als Überraschungs-Rezensionsexemplar vom KiWi-Verlag zur Verfügung gestellt.