Eine englische Provinzgemeinschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts – Liebe, Politik, die beginnende Industrialisierung und das eine oder andere dunkle Geheimnis.

Das Buch

Middlemarch beleuchtet das Leben mehrerer Familien. Dorothea Brooke, die so sehr nach intellektueller Erfüllung strebt und glaubt, sie im wesentlich älteren akademischen Mr. Casaubon gefunden zu haben. Rosamond Vincy, eine verwöhnte junge Dame, die von ihrem Mann Lydgate erwartet, dass er ihren Lebensstil finanzieren kann. Rosamonds glückloser Bruder, der so gerne ein anständiger Kerl sein möchte, um seine Jugendliebe Mary heiraten zu können, doch immer mehr Schulden macht. Mr Bulstrode, der inzwischen sehr religiös ist, dessen zweifelhafte Vergangenheit durch seinen alten Bekannten Raffles ans Licht zu kommen droht.
Es ist der Beginn der Industrialisierung, eine Zeit des politischen Umbruchs und eine Zeit, in der Frauen eine schlechte Bildung haben, wenn sie überhaupt ausgebildet werden.
Können die unterschiedlichen Charaktere Middlemarchs ihr Glück finden? Oder werden sie sich durch ihre eigenen Entscheidungen ins Verderben stürzen?

Meine Meinung

Wer sich auf das über 1.000 Seiten umfassende Porträt einer englischen Kleinstadt einlässt, sollte sich bewusst machen, dass es genau das ist. Bei Middlemarch handelt es sich um Beobachtung und Analyse, die ohne die zahlreichen Anmerkungen am Ende des Buches nicht immer verständlich würden.
Es ist kein Krimi, noch nicht mal ein wirkliches Drama, sondern vielmehr ein kunstvoll geschaffenes Geflecht von Figuren, deren Leben mal mehr, mal weniger eng miteinander verbunden ist.
Vom Mann mit fragwürdiger Vergangenheit bis zur wissenshungrigen jungen Frau, die einfach nicht den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden kann und möchte, ist eigentlich jede*r dabei.

Wer so wie ich in einem Dorf aufgewachsen ist, wird manche Situationen wiedererkennen.
Obwohl das Buch an und für sich recht unspektakulär ist, verblüfft es immer wieder mit Detailreichtum, einer scharfen Beobachtungsgabe und einer gewissen Aktualität, trotz der knapp 200 Jahre, die seit der Erstveröffentlichung erschienen sind.

Middlemarch ist weder ein feministischer Roman im klassischen Sinne, auch wenn diese Hoffnung aufgrund mancher Charaktere zunächst entstehen könnte. Nichtsdestoweniger sind die Personen stark, eigen und bieten für die meisten Leser*innen sicherlich Identifizierungspotential.

Fazit

Wer ein vom Spannungsbogen her eher ruhiges Buch sucht, das jedoch einen umfassenden Blick auf die englische Gesellschaft des 19 , Jahrhunderts bietet, wird definitiv nicht enttäuscht werden.

Middlemarch | George Eliot (eigl. Mary Ann Evans) | 1152 Seiten (inkl. Vor- und Nachwort) | 28€ | dtv – Rezensionsexemplar

Originaltitel: Middlemarch – A Study of Provincial Life