Wie wäre es, wenn deine Schwester  fast dein ganzes Leben lang verschwunden war und jetzt einfach wiederkehrt?
Wie wäre es, wenn nichts, was du dir ausgemalt hast, wahr wird und es sich vollkommen anders entwickelt?

Der Inhalt:

Im Alter von fünf Jahren wird Annika aus dem Leben ihrer Eltern gerissen und verschwindet für die nächsten zwölf Jahre.  Zurück bleiben nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester Mari, die sich als Schatten ihrer großen Schwester fühlt. Maris gesamtes Leben wird vom Verschwinden ihrer Schwester geprägt und ihre einzigen Freunde lernte sie in einer Gruppe für die Geschwister verlorener Kinder kennen.
Die Überpräsenz ihrer Schwester geht so weit, dass sich Mari nur nachts real fühlen kann und sich tagsüber wie eine Puppe vorkommt.
Als Annika jedoch eines Tages zurückkehrt, wird das Leben der Familie erneut auf den Kopf gestellt und für niemanden verläuft die Wiedervereinigung ansatzweise so, wie es sich vorgestellt wurde. Offensichtlich verbirgt Annika viele Geheimnisse und vor allem eines unterscheidet sie vom Rest ihrer Familie: Das vollkommen andere Leben, das sie die letzten Jahre über geführt hat.
Nach einer Weile hält  es Mari, die sich von Annika aus ihrem eigenen Leben verdrängt fühlt, nicht mehr aus. In einer Nacht und Nebel Aktion haut sie mit Clementine und Ole, zwei weiteren „Gruppen“mitgliedern nach Italien in ein kleines Dorf ab, wo Oles Bruder vor Jahren im Urlaub verschwand.

Umsetzung:

Etwa 50.000 Kinder verschwinden jährlich in Deutschland für längere Zeit, so die Mittelbayerische Zeitung im Jahre 2011. Erschreckend hohe Zahlen, die die Frage aufwerfen, warum das Thema „Verschwundene Kinder“ nicht häufiger in der Literatur thematisiert wird. „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott lief vor ein paar Tagen in den deutschen Kinos an und diese zeitliche Parallele lässt vermuten, dass Thema in Zukunft öfter aufgegriffen werde.
Wie aber ging „Mädchen aus Papier“ mit diesem mehr als schwierigen Thema um?

Insgesamt hat es durch eine andere Behandlung, als man es vielleicht erwartet hätte, geglänzt. Flammang konzentriert sich auf die Schwierigkeiten, die Annikas Wiedervereinigung mit ihrer Familie für alle bedeutet. So formelle Dinge wie die Betreuung durchs Jugendamt werden hierbei eher kurz gehalten und sich vor allem auf die kleine Schwester konzentriert. Nach meinem Geschmack wurde die allererste Wiedervereinigungszeit allerdings etwas sehr kurz gehalten.
Zum Ende hin wird besonders deutlich, wie sehr MarisBewusstsein für die Situation im Kleinkinderalter unterschätzt wurde und wie sehr sie das Ganze wirklich belastet hat. Nicht nur ihre Siutation im Speziellen, sondern die mehrerer „zurück gebliebener“ Kinder steht im Mittelpunkt. Ebenfalls wird der Umgang der Presse mit diesem sensiblen Thema aufgegriffen. In meinen Augen eine gelungene Mischung.
Maris Gefühle wurden recht bildlich beschrieben und wenngleich man sagen könnte, dass sie eine etwas egozentrische Figur ist, verübelt man Mari ihr Verhalten nicht, da es insgesamt relativ nachvollziehbar präsentiert wurde .
Spannend fand ich vor allem die ungewöhnlich dramatische Nebenfigur Clementine. Sie ist magersüchtig und steigert sich in das Vorhaben, die Miss Monaco Wahl zu gewinnen, hinein, weil ihre verschwundene Schwester sie kurz vor ihrem Tod gewann.
Die angedeuteten Dreiecksbeziehungen, die sich zwischen zwei Jungen und den zwei Schwestern Mari und Annika hätten entspinnen können, wurden zum Glück nicht allzu sehr ausgeführt. So konzentrierte sich das Buch auf die eigentliche Thematik, schaffte es aber dennoch, viele Nebenaspekte einzubringen, die das Handeln der Figuren erklären und sie menschlich zu machen.

Obwohl mir das Buch insgesamt gefallen hat, vermochte es mich nicht von den Socken zu hauen und zwei Aspekte haben mich wirklich gestört, für die allerdings der Verlag und nicht die Autorin selbst verantwortlich zu machen wäre.
Zum einen war das Buch recht groß gedruckt, zum anderen hat der Klappentext mit der Ankündigung des Italientrips eine völlig andere zeitliche Dimension vermittelt, als letzten Endes im Buch vorkam. Clementine, Ole und Mari fahren erst im letzten Viertel des Buches nach Italien  und ich für meinen Teil eigentlich einen Schwerpunkt auf dieser Reise erwartet und einen Fokus auf das Thema Freundschaft. Insgesamt wurde das Thema des Verschwindens also viel direkter und mit wesentlich mehr „Vorlauf“ behandelt. So standen letzten Endes das Umeinanderherumschleichen und Annikas merkwürdiges Verhalten nach ihrer Ankunft direkt im Mittelpunkt, was ich auf eine indirektere Art erwartet hätte.

Mein Fazit:

Mädchen aus Papier war definitiv anders, als ich es erwartet hätte. Es ist nichtsdestotrotz ein ansprechendes Jugendbuch, das eine schwierige Thematik sprachlich passend an seine Leserschaft heranträgt und durch  besonders spannende Nebenhandlungen und –Aspekte überzeugt.
Mädchen aus Papier | Sina Flammang | 352 Seiten | 16,99 | cbt Verlag (Randomhouse)