Neun Jugendliche erzählen in Klassenbuch von Sehnsüchten, Fremd- und Selbstwahrnehmung, Realität und Virtualität und allem dazwischen.

Das Buch

„Klassenbuch“ besteht aus zwei Teilen, in denen wir jeweils mehrere Personen, später auch eine Katze kennen lernen, teilweise in Aufsätzen, teilweise in Mails. Ein Jede/r von ihnen erzählt nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die von den Klassenkameraden.

Mit dabei sind Erik, die unauffälligste Figur. Er scheint ein wenig auf seine Lehrerin zu stehen (die im gesamten Buch eine zentrale Figur für ihre SchülerInnen darstellt aber nie selber zu Wort kommt). Dann gibt es noch Stanko, der seinen bosnischen Wurzeln nachspürt und von seiner Familie erzählt, deren Erinnerungen er angeblich irgendwie gelöscht hat und der sich im 2. Teil scheinbar nach Bosnien absetzt.
Von Emily bleibt unklar, ob sie etwas mit dem Caterer hatte, dessen Essen sie in einer langen, politisch mehr als unkorrekten Mail diffamiert und ob sie jetzt wegen Burn-Out, Bulimie oder einer Abtreibung in einer Klinik ist. Jede Perspektive scheint da eine andere Meinung drüber zu haben, ebenso wie bei Frau Höppner im ganzen Buch nicht klar wird, ob sie gegangen ist, weil sie schwanger ist, Krebs hat oder sich gar das Leben genommen hat.

Suizid ist ein mehrfach aufkommendes Thema, auch für Beatrice die nach ihrem Suizidversuch jetzt wieder in die Schule geht und irgendwann ihre Sorgen im Alkohol erträgt, zusammen mit Vanessa, die ebenso wie Bea übergewichtig ist und ihr ganzes Leben online streamt. Doch nicht als Vanessa, sondern als schlanke Sportskanone Nina.
Lennart hingegen scheint völlig in seiner Online-Realität gefangen zu sein und denkt auch über das echte Leben, als ob es ein Spiel wäre. Abgesehen davon scheint er das Smartphone sowie die Online-Identitäten seines Mitschülers Henk gekapert zu haben und diesen zu kontrollieren.
Annika hatte es, so wie einige ihrer MitschülerInnen scheinbar nicht leicht. Im ersten Teil erfahren wir, dass sie zusammen mit ihrem kleinen Bruder stets alle überfahrenen und toten Tiere, die sie auf dem Schulweg finden einsammeln, taufen und beerdigen. Im zweiten Teil lernen wir, dass sie und ihr Bruder im Wald leben, weil sie die Gewalt zu Hause nicht mehr ausgehalten haben, doch es bleibt ein wenig offen, ob Annika möglicherweise auch das Leben generell nicht mehr aushält, ihre eine Wortmeldung ist als Abschiedsbrief deklariert.
Des Weiteren lernen wir Li kennen, die an der Aufnahmeprüfung für ein Gesangsstudium teilnimmt und Gefahr läuft, diese nicht zu bestehen, weil das Gremium nach ihrer Hausarbeit davon überzeugt ist, sie würde von ihrem dilettantischen Musiklehrer missbraucht, plagiiere nur dessen Meinungen und sei psychisch instabil. Dabei kopierte sie wohl nur das Verhalten von Emily, um sich in eine Rolle reinzuversetzen, die sie bei der Prüfung singt.

Nicht immer wird klar, was nun letztlich die Wahrheit ist, weil alle über einander Vermutungen anstellen, sie aber wie Tatsachen präsentieren. Und so zusammenhangslos die Perspektiven zunächst erscheinen, so gipfeln sie letztlich in einem Finale, dessen Zustandekommen und Bedeutung mehr erahnt als gewusst werden kann.

Meine Meinung

„Klassenbuch“ war definitiv eines der merkwürdigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe. Manche Sätze oder Überlegungen der Figuren waren sehr punktgenau, philosophisch und mitreißend, doch vieles erscheint theatralisch. Durch die extreme Egozentrik der Figuren wird einem das Geschehen fortlaufend etwas verzerrt geschildert und durch die voneinander abweichenden Beschreibungen der Figuren kann man sich nicht sicher sein, was den Tatsachen entspricht und was nicht.
Die teilweise extreme Abdriftung und das, was ich hier jetzt mal Gamer-Slang nenne (bitte verzeiht es mir) fand ich oftmals nervig und irgendwie etwas zu krass. Je nachdem wie ernst man das Buch nimmt, muss sich letztliche gefragt werden, ob das alles nicht nur in einer virtuellen Welt spielt.

Manche Perspektiven (vor allem die der Katze) fand ich jedoch einfach nur unnötig, da sie weder etwas zur Handlung noch sonst irgendwo zu beigetragen haben.
Bei aller Verwirrung macht das Buch jedoch deutlich, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmungen doch sein können und dass es „die eine“ Realität wohl gar nicht gibt.

Fazit

Ein konfuses Buch, mit ein paar guten Gedanken aber jeder Menge überzogenen oder überflüssigen Sachen. Bemerkenswert ist jedoch, dass jede Figur ein absolutes Individuum ist.

Klassenbuch | John von Düffel | 317 Seiten | 12€ | Dumont Verlag – Rezensionexemplar