Wie fühlt es sich an, als Blinder zu leben? Wie verändert sich die Wahrnehmung, das Selbstbild und die Fähigkeit, zurecht zu kommen?

Das Buch

Im Dunkeln sehen basiert auf Kassetten-Aufnahmen die Hull früher machte und in denen er berichtet, wie er sich fühlt, was er denkt und tut und wie er das tut.
Er schildert die Wiederkehr an Orte, die ihn als Sehender prägten und die Neuentdeckung ebendieser als vollkommen Blinder. Zudem erfahren wir viel über das Verhältnis zu seiner Familie, insbesondere seinen Kindern und in welcher Beziehung sie zu ihm als Vater und als Blinder stehen. Hull schildert seinen Frust, nicht ausgelassen mit ihnen toben zu können oder die Möglichkeit, sich wegen einer Baustelle auf der Straße vollkommen zu verirren.
Kurzum: Er erzählt vom Alltag als Blinder, der einst sehen konnte.

Meine Meinung

Es war die erste Biographie eines Blinden, die ich je gelesen habe und ich muss sagen, dass sie mich sehr fasziniert hat. Natürlich ist es kein spannend geschriebener Roman, der auf einen Höhepunkt zusteuert, ganz im Gegenteil: Der Autor erlebt immer wieder Rückschritte, verzweifelt an Hürden, die zuvor als gemeistert erachtet wurden.
Das wirklich faszinierende an dem Buch ist aber die vermeintliche Banalität der Erlebnisse, also eben das Alltägliche.
Besonders anschaulich fand ich zwei Beispiele:
1. Hull ist im Krankenhaus und will telefonieren. Auf dem Weg von seinem Bett zum Telefon rufen ihm die anderen Patienten die ganze Zeit Hinweise zu, er solle weiter nach links, recht, Achtung Tisch, usw. Aufgrund der vielen akustischen Signale wird es Hull fast unmöglich, sich zurecht zu finden.

  1. Sehende verlieren die Orientierung, wenn sie nicht wissen, wo sie hinmüssen. Blinde, wenn sie nicht wissen, wo sie sind. Auf die Frage: Wo bin ich und wie komme ich da und da hin? Ist die Antwort: An der nächste Kreuzung links nicht hilfreich. Wie weit ist es bis dahin? Links von welcher Perspektive aus gesehen etc.
    Zudem finde ich es immer wieder schockierend, wenn ich höre, wie gemein manche Menschen zu Blinden sind (vor einem Auto warnen, obwohl keines kommt und damit jemanden erschrecken, vorwerfen, gar nicht blind zu sein oder Ähnliches).
    In manchen Fällen wurde jedoch meiner eigenen Idee einer Hilfe für einen Blinden widersprochen, was ich sehr interessant war. Wir gehen oftmals davon aus, Blinde kämen nicht klar. Dabei reicht es meist, sie einfach machen zu lassen!

Fazit

Ein spannender Einblick in eine Welt, die sich uns Sehenden vermutlich nie ganz erschließen wird. Definitiv eine Leseempfehlung.

 

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Originaltitel: Notes on Blindness

Rezensionsexemplar