Zwei Schwestern, die sich nie kennen lernen gründen je eine Familie, die unterschiedlicher nicht leben könnte. Die eine profitiert vom Sklavenhandel, während die andere selber verkauft wird.

Das Buch

Alles beginnt in Ghana, Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts mit Maame, die einst eine Sklavin war und ein außereheliches Kind mit Cobbe Otcher zeugte, Effia. Aber sie bekam als freie Frau noch ein zweites Kind mit dem Großen Mann Asare, Esi.
Während Effia aufgrund des Willens ihrer unfreiwilligen Ziehmutter mit einem Sklavenhändler verkauft wird und ihm später einen Sohn gebärt, Quey, gerät Esi in Gefangenschaft und wird als Sklavin nach Amerika verkauft, wo sie auf einer Baumwollplantage arbeitet.
Noch Jahrzehnte und Jahrhunderte später profitiert Effias Familie von ihrer Hochzeit mit dem Briten, denn so kommen ihre Nachkommen zu Bildung und Vermögen, was sie jedoch nicht immer vor Familientragödien beschützt. Esis Nachfahren müssen hingegen sich den Weg aus der Sklaverei erkämpfen und in den rassistischen USA jeden Tag aufs Neue gegen Unterdrückung und Diskriminierung kämpfen. Ob die beiden Familienzweige jemals wieder vereint werden, ist ungewiss.

Meine Meinung

Obwohl Yaa Gyasi sehr empathisch schreibt und ihre Figuren Leid und Freude gleichermaßen erfahren lässt, bin ich mit keiner so richtig warm geworden. Ob es daran lag, dass alle hauptsächlich als TrägerInnen der Geschichte des Sklavenhandels fungiert haben, oder an meinen fehlenden eigenen Erfahrungen mit Rassismus kann ich nicht genau sagen. Zu Beginn hat es mich auch verwirrt, dass jedes zweite Kapitel eine neue Generation begann, da das erst im Text, nicht aber durch die Kapitelüberschriften deutlich wurde, die den Namen ihrer jeweiligen Perspektive trugen. Nichtsdestotrotz ist Heimkehren ein sehr spannendes Buch. Zum einen fragt man sich die ganze Zeit, wer oder was auf welche Weise heimkehren wird (wobei das Ende des Buches nicht allzu überraschend war). Zum anderen erteilt die Töchter Maames ein so unterschiedliches Schicksal, wie es nur irgend möglich ist.

Das Buch wirtke zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder künstlich, sondern nah und soweit ich das beurteilen kann (und überhaupt darf) auch authentisch. Selbst aus einer weißen Perspektive kann man erkennen, wieso sich die Leben entwickeln wie sie es tun und während die Figuren einander zwar verurteilen habe ich nie den Eindruck gehabt, dass die Autorin ihre Figuren verurteilen würde, sie werden lediglich präsentiert und das finde ich wirklich erstaunlich.

Obwohl ich normalerweise nie in Stammbäume oder Personenverzeichnisse schaue, habe ich es bei diesem Buch sehr oft getan, teils aus Neugierde, teils um den Überblick zu erhalten, weil insgesamt 15 Perspektiven die Geschichte von mehr als 30 erzählen. Interessant fand ich, dass wirklich nur die wichtigen Figuren aufgelistet werden, die auch mal in irgendeiner Weise zu Wort kommen (mit einer kleinen Ausnahme), so bleibt es zwar übersichtlich, es wird aber ebenso deutlich, wie selektiv die Geschichtenerzählung ist. Und während in den meisten Stammbäumen die Frauen fehlen, wird die Geschichte der Heimkehr sowohl von Männern als auch Frauen gleichermaßen getragen.

Erstaunlich fand ich den Umstand, dass bei fast allen Frauen, die zu Wort kommen vom Einsetzen der Menstruation, also dem Übergang vom Mädchen zur Frau erzählt wird. Einerseits, weil es ja ein oftmals tabuisiertes Thema ist, andererseits weil es keine Entsprechung hierfür bei den Männern (bspw. in Form von wichtigen Erlebnissen oder was auch immer) gab.

Insgesamt konnte mich Heimkehren zwar nicht wirklich auf menschliche Weise berühren aber definitiv historisch faszinieren. Unsere Wurzeln bestimmen und die Entscheidungen unserer Vorfahren können uns Möglichkeiten eröffnen oder verschließen. Aber wir alle sind in eine Gesellschaft eingebunden, die uns in allzu vielen Fällen aufgrund von Äußerlichkeiten helfen oder bestrafen kann.

Fazit

Heimkehren ist ein absolut lesenswertes Buch, das ich allen ans Herz legen möchte, die glauben, bereits genug aufgeklärt zu sein und all jenen, die sich noch weiter aufklären lassen wollen.

Heimkehren | Yaa Gyasi | 413 Seiten | 12€ | Dumont Verlag – Rezensionsexemplar

Originaltitel: Homegoing