Darf ein Staat Menschenleben gegeneinander aufwiegen? Wie geht man mit Terrorismus um und was ist für einen starken Rechtsstaat wichtig?

In ihrem Buch „Ein Tag im Herbst“ beleuchtet die Autorin den „deutschen Herbst“ (vornehmlich September-Oktober 1977) und im Besonderen den Fall Schleyer.
Das Buch behandelt weniger die Taten der RAF allgemein, sondern fokussiert sich auf die Entführung von Hanns Martin Schleyer, der damals Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) war und im Dritten Reich SS-Untersturmführer (heute in etwa Leutnant).
Inhaltlich besteht das Buch aus den O-Tönen diverserer Zeitzeugen und Berichte, beispielsweise Briefe von Helmut Kohl an Schleyers Familie und Äußerungen von jenen, die direkt an den Entscheidungen im Schleyer Fall beteiligt oder von ihnen betroffen waren.
Das Buch beleuchtet die moralische Frage des Wertes eines einzelnen Menschenlebens, das direkt und absehbar gegen eine unbestimmte Zahl anderer Menschenleben abgewogen wird.
Die zu Wort kommenden Positionen, darunter auch der Sohn Hanns Martin Schleyers, Hanns Eberhard Schleyer, sind sehr konträr, vor allem in ihrer Haltung zu den Handlungen der sogenannten Kleinen Lage, jenen Politiker, die die direkte Verantwortung und Entscheidungsgewalt im Fall Schleyer und den zeitgleich stattfindenden Taten der RAF hatten.

Bevor man „Ein Tag im Herbst“ liest, empfiehlt es sich, zumindest ein Grundwissen über die RAF und den deutschen Herbst mitzubringen. Hierzu bietet die Autorin im Anhang einen Überblick über die Geschichte der RAF an, der diesbezüglich einen guten Überblick verschaftt.
Da das Buch nicht chronologisch erzählt, entsteht mit der Zeit das Gefühl, sich ein wenig im Kreis zu drehen. Immerhin wird mit fast jedem der eingebrachten Zitate auch eine neue Facette des Falls beleuchtet und der Leserhorizont erweitert.
Über die RAF an und für sich wird in dem Buch nicht allzu viel geschrieben, im Mittelpunkt steht klar der Fall Schleyer, über den damals wohl aufgrund einer freiwilligen Selbstzensur der Medien nicht allzu viel berichtet wurde.
Für mich persönlich war das Buch vor allem in moralischer und auch ein wenig philosophischer Sicht besonders interessant, wer mehr über die RAF Zeit im klassisch historischen Sinne lernen möchte, ist mit dem Anhang oder einer anderen Literatur besser beraten.
Ich fand es sehr spannend, die verschiedenen mal mehr, mal weniger direkt involvierten Zeitzeugen zu hören, beziehungsweise zu lesen und so nicht nur den typisch analytischen Blick auf die Dinge werfen zu können, der bei Büchern mit historischem Inhalt sonst üblich ist.

Mein Fazit: Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und dessen Fragen damals wie heute aktuell sind. Mit den zahlreichen O-Tönen gibt die Autorin verschiedenen Menschen die Möglichkeit, zu Wort zu kommen und bringt so dem Leser auch die Innenwelt wichtiger historischer Persönlichkeiten ein wenig näher, ohne diese selber zu bewerten.
In meinen Augen ein lohnenswertes Buch, dass neue Einblicke in eine wichtige Zeit der deutschen Geschichte erlaubt.

Ein Tag im Herbst | Anne Ameri-Siemens | 279 Seiten + 38 Seiten Anhang | 19,95€ | rowohlt Verlag