Eines Tages gehen einfach alle Schwarzen fort, immer weiter fort. Zurück bleiben Weiße, die die Welt nicht mehr verstehen. Doch wieso ist das passiert?

Das Buch

Ein anderer Takt beginnt mit Zeitungsausschnitten, das Buch beginnt in den 1960ern ganz kurz, nachdem alles angefangen hat. Kurz nachdem Tucker Caliban, ein Schwarzer, seine Felder mit Salz bestreut, sein Pferd und seine Kuh erschossen hat. Auch die Standuhr, die auf demselben Sklavenschiff ins Land kam wie sein Ururgroßvater und die als Erbstück in der Familie weiter gegeben wurde, ist zu Kleinholz zerlegt worden, das Haus hat er angezündet, bevor er mit seiner schwangeren Frau und ihrem gemeinsamen Kind fortgeht. Wohin geht er fort? Wohin gehen alle Schwarzen aus Wilson City, aus dem gesamten Bundesstaat? Fort, irgendwohin, wo es besser ist.

Der weißen Bevölkerung bleibt nicht viel übrig, als zuzuschauen, selbst gewalttätige Versuche, die Menschen aufzuhalten, scheitern allesamt.

Doch das Buch besteht aus viel mehr als nur der Schilderung dieser Szene. Ein anderer Takt erzählt die Geschichte von einigen der anwesenden Weißen, ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Wir erfahren, wie sie über Rassismus denken und was sie geprägt hat. Auf die eine oder andere Weise können wir einen Blick darauf erhaschen, weshalb Tucker Caliban das möglicherweise getan hat.

Meine Meinung

Um das Buch wenigstens einigermaßen verstehe zu können, jetzt, fast 60 Jahre später dazu noch als ziemlich weiße Person, die noch nie einen Fuß in die USA gesetzt hat, ist es wirklich hilfreich, das Vorwort und später auch das Nachwort von Kelleys Tochter zu lesen. In beidem finden sich Beschreibungen von Kelleys Leben, von denen der Eindruck entsteht, dass sie sich im Buch auf unterschiedliche Arten wiederfinden. Dadurch, dass Kelleys Leben einen roten Faden hat, bekommt Ein anderer Takt auch einen.

Warum genau die schwarze Bevölkerung weggegangen ist? Sie hat sich befreit und ihre Ketten selbst gesprengt. Wieso? Es war das Richtige. Das klingt auf den ersten Blick erst einmal ziemlich abstrakt, wenn man das Buch jedoch liest, ergibt es durchaus Sinn.

Dass ein schwarzer Autor eine Geschichte aus der Perspektive von Weißen (Erwachsenen, aber auch Kindern) erzählt und sich dabei so intensiv mit Rassismus auseinander setzt, habe ich noch nie erlebt und allen potentiellen Zweifeln zum Trotz wirkt das Buch ehrlich, möglich. Es kommen sowohl Menschen zu Wort, die nur indirekt mit den Ereignissen zu tun haben, als auch solche, von denen wir später erfahren, dass sie zu einigen der Schwarzen die einen Auftritt in der Geschichte haben, eine Beziehung hatten. Es gibt rassistische Weiße, aber nicht nur, die Figuren urteilen, ohne dass der Eindruck entsteht, der Autor würde verurteilen. Ein anderer Takt beweist Feingefühl, sprachliche, empathische und menschliche Präzision, durch Figuren die zwar eine Persönlichkeit haben, aber doch allgemein genug gehalten sind, als dass sie überall und jederzeit auftauchen könnten.

Fazit

Ein anderer Takt fesselt, fasziniert, zeigt und erzählt auf eine ganz eigene Weise etliche Geschichten, die es schon oft gab- und die zusammen etwas völlig Neues ergeben. Definitiv eine Leseempfehlung!

Ein anderer Takt | William Melvin Kelley | 300 Seiten (inkl. Vor- & Nachwort) | 22€ | Hoffmann und Campe – Rezensionsexemplar

Originaltitel: A different Drummer (erstmals erschienen 1962)