Im antiken Griechenland Werkzeug der Demokratie, heute alles mögliche zwischen Inspiration,  Mittel zur Manipulation oder Information – Rede! Doch frei reden will gekonnt sein. Aber warum ist sie so wichtig?

Das Buch

In „I have a Dream“- Die Kunst der freien Rede untersucht Schloemann nicht nur, was wichtige Voraussetzungen für freie Rede sind, oder was für Vor- und Nachteile sie gegenüber abgelesenen Reden bereithält. Das Buch skizziert vielmehr die Geschichte freier Rede und ihrem Einfluss auf das politische Geschehen vom antiken Griechenland über die Französische Revolution bis hin zu Obama und Trump. Bei dem Buch handelt es sich also nicht etwa um ein Rhetorikbuch, sondern um ein Buch, welches die Geschichte der Rhetorik erzählt und dabei mal mehr, mal weniger auf Stilmittel und ähnliches eingeht. Ein wenig bietet Die Kunst der freien Rede auch Einblicke in gesellschaftliche Verhältnisse, das aber höchstens nebenbei und stets mit eindeutigem Fokus auf die Gesellschaftsgruppen, denen es überhaupt erlaubt war, ihrer Meinung öffentlich Ausdruck zu verleihen und auch noch gehört zu werden.

Meine Meinung

Als ich das Buch anfragte, nahm ich an, es handele sich um ein Rhetorikbuch, also um ein Buch, welches technische Einblicke in diese Kunst gewährt, weswegen ich eine ganze Weile gebraucht habe, um mit diesem eher historisch-gesellschaftsanalytischen Buch warm zu werden.  Wie leider sehr oft, wenn es um Themen geht, die stets nur Privilegierte betrafen, ist auch dieses Buch sprachlich mit so vielen Wörtern gespickt, die ein unstudierter Mensch nicht unbedingt kennt, dass ich zunächst annahm, das Buch müsse eine (leser*innenunfreundliche) Übersetzung sein, dem ist jedoch nicht so. Ich bin mir sicher, dass die Wortwahl auch etwas verständlicher hätte ausfallen können, ohne dass es einen allzu großen Aufwand bedeutet hätte, leserlicher wäre Die Kunst der freien Rede dann jedoch allemal.

Wer sich dafür interessiert, wieso freie Rede im antiken Griechenland wichtig war, wird viel Freude mit dem Buch haben, da sich der größte Teil des Buches (zumindest gefühlt) nur damit beschäftigt. Das fand ich sehr schade, da ich mir etwas mehr Ausgewogenheit gewünscht hätte, so dass nicht die ca. letzten 100 Jahre auf etwa zehn Seiten gequetscht werden. Das hat mir zwar wieder vor Augen geführt, dass 1945 etc. noch gar nicht so lange her ist, aber darin sehe ich nur einen schwachen Trost. Insgesamt wird sich auch sehr auf die USA, Frankreich und Großbritannien sowie Griechenland (allerdings nur das antike) beschränkt.

Und wenngleich Frauen lange nicht das Wahlrecht hatten, so hätten in der neueren Geschichte gerne mal zur Abwechslung auch mal mehr Frauen und ihre Rhetorik betrachtet worden. Außer Hildegard von Bingen  und Angela Merkel sind quasi keine erwähnt worden, der Rest des Buches ist absolut männerdominiert. Der Autor hat zwar darauf hingewiesen und auch mal am Rande erwähnt, dass Rede- und Wahlrechte sehr lange sehr ungleich in der Gesellschaft zugänglich waren. Eine etwas diversere Perspektive hätte aber dennoch nicht geschadet, ich bin mir sicher, dass es noch ausschöpfbares Potential gegeben hätte.

Fazit

Sofern ihr tatsächlich auf der Suche nach einem Buch über die Geschichte der freien Rede und nicht etwa technischen Tipps seid, könnte Schloemanns Büchlein tatsächlich das richtige für euch sein.

„I have a Dream“ – Die Kunst der freien Rede | Johan Schloemann | 240 Seiten | 24€ | C.H. Beck Verlag – Rezensionsexemplar