„Die geheime Geschichte des Autismus und warum wir Menschen brauchen, die anders denken“, so steht es auf dem unauffälligen Buchcover mit der Schnecke vorne drauf.
So aufmerksamkeitsheischend das auch klingen mag, diese Beschreibung hat definitiv ihre Berechtigung.

Mal mehr, mal weniger chronologisch führt Silbermann uns vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und beleuchtet dabei nicht nur wichtige Meilensteine in der Autismusforschung, sondern vor allem auch die Menschen, die zu ihr beitragen. Sowohl Forschende wie Hans Asperger und Leo Kanner, als auch Erforschte werden in einem an Romane erinnernden Schreibstil vorgestellt.
Aus den Reihen der „Erforschten“ werden nicht nur „Versuchskinder“ vorgestellt, sondern auch beispielsweise Paul Dirac, der bedeutende Erkenntnisse für die Physik gewann oder die Vorbilder für die Figur des Raymond Babbitt aus „Rainman“- dem Film, der Autismus erstmals einem breiten Publikum jenseits der Psychiatrien und Labore dieser Welt zugänglich machte.
Immer wieder werden auch „alltägliche“ Situationen geschildert, mit denen Autisten und ihre Familien leben (müssen) und wie sich das Leben für sie danke moderner Kommunikationstechnologie veränderte. Es wird von Elektroschocktherapien und Kongressen, die mehr oder weniger von Autisten geleitet werden, berichtet und all den wichtigen Ereignissen, die zwischen diesen beiden Lebensmöglichkeiten lagen. Beispielsweise

Hierbei geht Silbermann zwar analytisch vor, erlaubt es dem Leser aber dennoch, Emotionen zu entwickeln, die Andersartigkeit, die Betroffene der Autismusspektrumsstörung ausmacht, näher kennen zu lernen und vor allem ein Stück weit zu verstehen. Dem Leser wird die ganze Bandbreite der Ansichten zu Autismus präsentiert, von seltener und ausgesprochen verheerender geistiger Behinderung, bis zur Bereicherung für die Gesellschaft, die in verschiedenen Ausprägungen weitaus häufiger vorkommt, als die meisten ahnen.

Über dieses Buch ließe sich noch stundenlang schwärmen, doch auf den Punkt gebracht lässt sich sagen: Ein überraschend „unterhaltsames“ Sachbuch, dass voller Details steckt und auch für Laien, die noch in keiner Weise mit dem Thema Autismus vertraut sind geeignet ist.
Mein einziger Kritikpunkt: Da Silbermann ab und zu in der Zeit springt und zwischen den verschiedenen Schicksalen (von denen es so einige im Buch gibt), wird es manchmal ein wenig unübersichtlich, aber insgesamt würde ich jedem Interessierten dieses Buch wärmstens empfehlen.

Geniale Störung | Steve Silbermann | 508 Seiten (ohne Danksagung und Literaturangaben, sonst 559) Hardcover | Dumont Verlag | 28€