Was wäre, wenn jeder sich einen anderen Körper besorgen könnte und über allem ein Netz aus Hologrammen liegt, so dass du nicht mehr weißt, was wirklich ist oder wie deine Geliebten aussehen!

Handlung

Hologrammatica spielt im Jahr 2088. Seit dem Turing- Zwischenfall werden persönliche Daten nur noch 60 Minuten lang gespeichert und es ist so einfach wie noch nie, unterzutauchen. Beispielsweise wenn man vom kaum noch bewohnbaren Europa ins wohltemperierte Sibirien umzieht. Zudem steht die Entwicklung jeglicher leistungsfähigeren Künstlichen Intelligenz unter Strafe.
Dies ist die Welt von Galahad Singh, Erben eines wirtschaftlich starken Imperiums, welches durch Bäume groß wurde, die CO2 aus der Luft filtern und sich selber reproduzieren.
Galahad soll die verschwundene Programmiererin Juliette Perotte wiederfinden, die an der Entschlüsselung des menschlichen Denkens arbeitete. Inzwischen ist es möglich, das eigene Bewusstsein in einen anderen Körper hochzuladen und dort bis zu 21 Tage zu verweilen, bis man zurück in den Stammkörper muss. Doch außer einer Sammlung an Gefäßen die alle wie ihr Stammkörper aussehen und der Tatsache, dass sie genial ist und dabei war, eines der letzten großen Geheimnisse der Menschheit und Menschlichkeit zu enträtseln, gibt es keinerlei Anhaltspunkte für ihren Aufenthaltsort.
Zudem lernt der Leser eine namenlose Frau kennen, die auf einer Insel erwacht. Sie ist nicht die erste und wird nicht die letzte sein, denn aufgrund der Verseuchung der Insel lebt sie nie länger als 12 Stunden. In diesen 12 Stunden muss jede ihrer Iterationen herausfinden, welche Aufgabe ihnen Nemo, der große Unbekannte, der sie scheinbar indirekt lenkt, ihnen zugedacht hat und wie sie wieder von der Insel runterkommen kann.

Meine Meinung

Mit der Zeit tauchen immer mehr Figuren in Hologrammatica auf und fast alle erfüllen eine nachvollziehbare Funktion. Sie zeigen einem, wie das Leben aussehen könnte, wenn sich unsere Gesellschaft auf der einen Seite wieder in Richtung Anonymität und auf der anderen Seite zur maximalen Individualität hin entwickeln würde. Mir persönlich erscheint das eine schwierige Kombination, die aber sich ihre Vor- und Nachteile hat. Die ganze Welt erscheint unwirklich, denn das ist sie auch. Die Holgramme verdecken die Realität, was mich persönlich wohl in den Wahnsinn treiben würde.
Galahads Geschichte wird gut erzählt und er ist mehr als nur Der Erbe oder Der Ermittler. Hillenbrand schafft eine komplette Persönlichkeit mit Geschichte, Wünschen und Tiefe, was mir sehr zugesagt hat. Dass der Protagonist homosexuell ist wird nie als etwas Besonderes thematisiert und so kommt auch das gesamte Buch in einer ziemlichen Selbstverständlichkeit in Bezug auf die vorherrschende Realität daher, wodurch man sich gut hinein versetzen kann und nicht etwa das Gefühl bekommt, man bekäme das Ganze von irgendwem erzählt. Dadurch wird auch wenig erklärt und wer nicht gerade weiß, wer Turing war oder sich sonst zumindest ein wenig mit Technik auskennt, könnte leichte Probleme mit dem Buch kriegen. (An dieser Stelle ein kurzes Zitat von Wikipedia: Alan Mathison Turing OBE, FRS war ein britischer Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker. Er gilt heute als einer der einflussreichsten Theoretiker der frühen Computerentwicklung und Informatik., Er wird übrigens auch als Vater der Computer bezeichnet und brachte sich um, nachdem er die Experimente zur „Heilung“ seiner Homosexualität nicht länger ertrug.)

Trotz dem meist vorhandenen direkten Nutzen der Geschichte wird die Handlung nicht einfach gerade nach vorne weg erzählt, sondern mit nötigen Details für die Schaffung einer plausiblen und plastischen Realität ausgestattet, was dem Ganzen ebenfalls mehr Tiefe gibt, wodurch das Buch aber auch insgesamt auf knapp 550 Seiten kommt, die nicht immer die pure Spannung sind.
Ebenfalls bemerkenswert ist die Sprache des Buches. Generell liegt das Sprachniveau über dem was (meines Empfindens nach) sonst so in der Unterhaltungsliteratur zu lesen ist. (Unterhaltungsliteratur= kein Sachbuch). Dennoch gibt es ein, zwei sprachliche Eskapaden, die das Ganze nicht künstlich werden lassen. Allerdings hätt3e das Buch meiner Meinung nach als deutsches Wort auch ein, zwei Anglizismen weniger aufweisen dürfen, dies ist aber vermutlich der Globalisierung und Technik-Bezogenheit geschuldet.
Was ich etwas schade fand, war die Offensichtlichkeit, wer die Frau auf der Insel ist.
Hingegen sehr gut gefiel mir die Werteoffenheit des Buches. Zwar hat die KI damals beim Turing-Zwischenfall einen Virus freigesetzt, der die Menschheit stark dezimiert hat, doch man erfährt im Laufe des Buches, wieso sie das getan hat und in meinen Augen war das durchaus nachvollziehbar, da es zudem als einzige Lösung erschien.

Als Thriller habe ich das Buch übrigens nicht unbedingt wahrgenommen, aber es hat definitiv das Potential dazu!

Fazit

Ein großartiges Buch über die Möglichkeiten unserer technischen Zukunft, das nicht nur die Frage nach Identität und der Gefahr der Technik beleuchtet, sondern dabei jedem selbst die Beurteilung überlässt. Etwas Technikinteresse- und Wissen, sowie Zeit für das Buch sollte sind jedoch unabdingbar.

Hologrammatica | Tom Hillenbrand | 552 Seiten | 12€ | Kiepenheuer und Witsch Verlag