Nach allem, was man so hört, gibt es ja gefühlt fast keine Studierenden, die nicht mindestens ein Semester im Ausland waren und ich werde das meine dazu beitragen, dieses Klischee zu stützen. Doch ist das einfach? Wirkt sich das auf die berühmt berüchtigte Regelstudienzeit aus und ist das nicht furchtbar teuer?

Das Video zu dem Thema findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=LK5sfxQVZdg&t=12s

Wer ins Ausland gehen will, muss einiges beachten- doch generell gilt, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Für mich stand ab dem 1. Semester fest, dass ich im 5. ins Ausland gehen würde, weil ich zu Schulzeiten die Chance nie hatte. Abgesehen davon hört man von allen Seiten, dass man als Geistes-/Sozialwissenschaftler ohne Auslandserfahrung eh keine Chance hätte und das wollte ich nun wirklich vermeiden. Da ich Schwedisch sehr schön finde, wollte ich unbedingt nach Schweden und habe auch sehr erleichtert festgestellt, dass mein Studiengang eine Kooperation mit einer schwedischen Hochschule hat. Nachdem Jura im Beifach nichts für mich war, habe ich zu Germanistik gewechselt, um Schwedisch zu lernen. Genommen wurde ich für Schweden jedoch nicht. Sondern für die Schweiz!
Puh, das war zwar einerseits eine Enttäuschung, andererseits hatte ich bis dahin sogar aufgehört, auf Schweden zu hoffen, weil es fachlich nicht mehr so recht zu mir passte und ich mir mit Luzern und Birmingham auch coole Alternativen überlegt hatte.

Lektion 1: Es läuft nicht immer so, wie du es planst, egal wie viel du dafür tust.
Lektion 2: Wähle nicht das Land, sondern die Uni und ihre Fächer.
Das sollte man zwar sowieso, aber naja, manchmal denkt man, man wüsste es besser, ihr kennt das sicherlich.
Doch wie sah der Weg bis zur Ablehnung für Schweden überhaupt aus? Und wie bezahle ich das Studium in einem der teuersten europäischen Länder überhaupt?

Die Bewerbung – Herbst und Winter 2017

Wenngleich jede Uni anders ist, so ist das Erasmus-Bewerbungsverfahren doch meistens relativ ähnlich. Das Wichtigste zuerst: Wenn ihr im 5. Oder 6. Semester gehen wollt, müsst ihr euch im 3. Bewerben – das ist 1 Jahr vorher!
Man muss angeben, wo man hin will und wieso. Lebenslauf und Motivationsschreiben auf Deutsch und Englisch, außer es geht nach Frankreich, dann auf Französisch und geht man nach Spanien wäre das Ganze auf Spanisch sicher nicht verkehrt.
Mir ist übrigens erst kurz vor der geplanten Abgabe eingefallen, dass ich einen Nachweis über meine Englischkenntnisse brauche, auch wenn es definitiv auf der Checkliste stand. Mein Abizeugnis + das Zertifikat von der Cambridge Prüfung aus der 11. Klasse haben aber gereicht – Glück gehabt.

Dann braucht man übrigens noch einen Dozenten, der einem ein Empfehlungsschreiben schreibt. Wenn man jedes Semester andere Dozenten hat und die einen alle kaum kennen, ist das gar nicht so einfach, doch ich habe eine sehr nette Dozentin im 3. Semester gehabt, die ich gebeten habe, das für mich zu machen.
Das Ganze unterschreiben und so weiter, die Erasmus Checklisten abarbeiten, mehr ist das eigentlich nicht. Etwas anstrengend, aber machbar, wenn man sich mal zwei, drei Nachmittage diszipliniert hinsetzt.
Was einem jedoch klar sein muss: Um die richtige Uni auszuwählen ist es ausgesprochen hilfreich, zu wissen, was man im weiteren Studienverlauf machen will. Ich habe mich vor allem auf Schweden beworben, wo ich nur Politik vertiefen konnte. Doch zum Zeitpunkt der Zusage hatte ich mich für Soziologie entschieden. Das könnte schwierig werden…
Dann… warten. Warten… Noch mehr warten, bis endlich eine Antwort kam.

Nach der Zusage – 06.02.18 – 26.03.18

Zunächst einmal war ich natürlich erleichtert, überhaupt einen Platz zu kriegen. Bei uns an der Uni ist es nicht transparent, wie viele Leute sich auf die 1-2 Plätze bewerben, die es so gibt. Ein paar Länder wie Frankreich (Paris) und Schweden, England (London, Cambridge usw.) und andere skandinavische Länder sind aber fast immer heiß umkämpft – diese als 2. oder 3. Priorität anzugeben wäre Wahnsinn.
Da ich eigentlich nur auf Druck der Erasmus-Koordinatorin überhaupt eine 2. und 3. Wahl angegeben hatte, wusste ich nur so ungefähr, was Luzern anbot. Das war also das Erste, was ich anschließend checkte.

Es folgten ein paar Formalitäten und das Warten auf die Nomination an der Uni Luzern. Von manchen Unis weiß ich, dass man sich da nochmal extra bewerben muss, bei mir zum Glück nicht. Die Uni Luzern ist zudem eine sehr schnelle Uni mit netten Ansprechpartnern. Am 26.03 war es dann endlich offiziell, dass ich nach Luzern geben würde. Obwohl ich wusste, dass ich alle Fristen einhielt usw. dauerte es bis Ende März, bis ich endlich die Last der Bewerberei nicht mehr verspürte. Ich würde in der Schweiz studieren – YEAAAAH!
Zum Glück ist die Uni übrigens relativ entspannt- meine Erasmus-Koordinatorin in Bonn hat mich nämlich für Politik angemeldet, obwohl ich in Luzern Soziologie studieren wollte (was sie aber nicht wusste). Den Studiengang an meiner Gastuni zu wechseln war aber immerhin recht unkompliziert.

Was ein bisschen blöd ist- für´s Erste habe ich exakt keine Ahnung, welche Veranstaltungen in Luzern angeboten werden, wenn ich da bin, da muss ich mich also überraschen lassen. Doch schon jetzt musste ich mich entscheiden, welche Module ich vertiefen will, welche ich hier mache und welche dort- denn im Ausland kann ich nur ganze Module absolvieren und benoten lassen. Das hat meine Pläne etwas durcheinander geworfen, doch machbar ist das trotzdem.
ich finde es übrigens lustig, dass der Bonner Statistik Dozent auch in Luzern unterrichtet. Für mich kann das nur von Vorteil sein… nehme ich mal an.

Wohnungssuche

Wer ins Ausland geht hat (meistens) zwei Möglichkeiten: 1. Wohnheim, 2. Selber eine Bleibe suchen.
Ich habe mich zwar auf die Liste für´s Wohnheim setzen lassen, habe aber parallel direkt selber geguckt, da die Wohnheimpreise doch recht hoch sind und ich mir eine 5-6 Leute WG ehrlich gesagt nicht sooo gut vorstellen konnte und vor allem nicht wollte. Zu Hause sind wir 4 Leute und das reicht mir völlig!
Ich habe mich also in wirklich JEDER Facebook-Gruppe angemeldet, die ich gefunden habe und am 29.03 hatte ich auch schon eine Bleibe gefunden, bei zwei Frauen, ein wenig außerhalb, aber immer noch dicht genug zur Uni.
Im Prinzip sah alles super aus – bis ich am Freitag, dem 13.04 mitgeteilt bekam, dass es aus Verwaltungstechnischen Gründen doch nicht ginge… da ich mich zwischenzeitlich von der Wohnheim-Liste hatte streichen lassen, war ich doch etwas panisch…

Erneut suchen zu müssen hat mich irgendwie gestresst, zur Sicherheit habe ich die Wiederaufnahme in die Liste der Wohnheime beantragt. Das jetzt alle günstigen Zimmer weg sein würden, war mir natürlich klar.
Knapp einen Monat hatte ich aber zum Glück ein WG-Zimmer in Kriens gefunden, das liegt ca. 15min mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln von der Uni und dem Luzerner Bhf weg. Und 485 Franken für… was sind es? Angeblich 15m^2, dem Foto nach eher 10-12m^2 sind absolut moderat. Das sind 400-420€, je nach Wechselkurs. Für die Schweiz ist das quasi billig.

Ich bin mir sicher, dass ich meine Erasmus-Betreuer mit dem Hin und Her wegen der Wohnheim-Liste genervt habe- ein paar Tage vor der WG-Zusage wurde mir nämlich ein Platz für ein Wohnheimzimmer angeboten, die ich erstmal ignoriert habe- ca. 650 Franken (das sind etwa 600€) zu zahlen, pro Monat, für eine 6er oder noch mehr WG war ich einfach nicht bereit zu zahlen. Erasmusstudis, die in Zürich oder Basel studieren, dürfen mich gerne auslachen! Ich weiß, dass ihr locker 900 Franken pro Monat zahlt… und wo wir schon beim Geld sind… wie bezahle ich den spaß eigentlich?

Finanzielles

Je nach Land kann so ein Auslandssemester ziemlich ins Geld gehen. Die Schweiz ist seit 2014 übrigens kein Erasmus-Land mehr, hat jedoch ein eigenes Programm, mit dem Austauschstudierende ein wenig unterstützt werden. Wie hoch der Satz sein wird, weiß ich noch nicht genau, aber es werden so 400-450 Franken sein. Bei Lebenshaltungskosten von (in meinem Fall) ca. 1000 Franken ist das aber bei Weitem noch nicht genug, um über die Runden zu kommen.
Für Auslands-Bafög habe ich mich gar nicht erst beworben, warum weiß ich nicht, aber vermutlich lag es daran, dass ich es in Deutschland nicht kriege und vor allem das Ganze SELBER bezahlen wollte. Ohne Hilfe meiner Eltern oder sonst was. Natürlich habe ich zum 20. Geburtstag (10.06), hauptsächlich Geld von Familie und Verwandtschaft bekommen, da die ja alle wissen, dass ich weggehe, doch das allein hätte auch nicht gereicht, so reich sind wir nicht.

Nein, ich habe von Juni 2017 – Juni 2018 gearbeitet und mein gesamtes Gehalt gespart. Mit Ausnahme von dem Geld, dass ich für meine Semesterbeiträge in Deutschland gebraucht habe. Aber ansonsten habe ich jeden einzelnen Cent gespart. Plus Teile meines Taschengelds. Seit dem ersten Semester habe ich jeden Monat 60€ zurückgelegt. Das ist nicht episch viel, mehr war aber nicht drin.
Doch inzwischen habe ich genug Geld beisammen, dass ich die Schweiz auch ohne das Schweizer Programm SEMP stemmen könnte – worauf ich übrigens recht stolz bin.

Was etwas nervig ist – die Schweiz hat nicht den Euro:
Das bedeutet zum einen, dass ich immer wieder Geld wechseln muss, was mein Budget lästigerweise mit Wechselgebühren belasten wird. Zum anderen ist der Kurs nicht jeden Tag gleich, also mal sehen, ob sich das sehr bemerkbar machen wird.
Die Schweiz ist übrigens eines der wenigen europäischen Länder, für die die neuen EU-Roaming Regeln nicht gelten – sonst hätte ich einfach meine deutsche Nummer behalten und unbesorgt durch die Gegend telefonieren können. So muss ich mal sehen, wie ich das mache. Da mein Handy zwei SIM-Karten auf einmal beherbergen kann, werde ich aber da sicher eine Lösung finden. Und zur Not erreicht ihr mich immer noch über Facebook, instagram, email und Youtube 🙂

Und Sonst so? – Uni

Natürlich war für mich von Anfang an wichtig, dass ich durch ein Auslandssemester nicht länger studieren muss. Mit der Schweiz geht das voraussichtlich sogar sehr gut.
Mein Nebenfach hat mir zwar anfangs Kopfzerbrechen bereitet, da ich im 5. Semester eigentlich Schwedisch III belegen muss, wofür Anwesenheitspflicht herrscht, doch oh Wunder- mein Dozent ist so großzügig, mir zu erlauben, im Selbststudium weiter zu machen. Ich lasse mir die Sachen dann immer von einer Freundin schicken, nehme meine Schwedischbücher mit nach Luzern und muss fleißig sein. Hoffentlich geht das gut. Die anderen beiden Veranstaltungen für Schwedisch kann ich zum Glück auch im Sommer belegen und werde das auch ganz gewiss tun!
Das Auslandssemester erlaubt es mir zudem, meinen Optionalbereich aufzufüllen, vermutlich coolere Veranstaltungen teilweise als in Deutschland zu belegen und mal ein anderes Uni-System kennen zu lernen.

Übrigens: Da die Schweiz seit 2014 nicht mehr im Erasmus-Programm ist, bin ich auch offiziell keine Erasmus-Studentin. Das bedeutet für mich: andere Organisation (aber nur ein klein wenig), und die Infoveranstaltungen der Uni Bonn sind für mich nutzlos, da es a) keine Infos zur Schweiz gibt, b) die Infos meist Erasmusspezifisch sind… so etwas beruhigt einen natürlicht toootal. nicht.

Und sonst so- Alltag, Sport und Bücher

Seit ich meine Zusage habe, denke ich jeden einzelnen Tag an die Schweiz. Daran, wie es werden wird. Ob ich mit den Leuten klar komme, ob meine neuen Kommilitonen nett sind. Ist es nicht verschwendet, im Ausland auf Deutsch zu studieren? (Nein, manche Kurse werden zudem nur auf Englisch angeboten. Außerdem wird Schweizerdeutsch schwer genug zu verstehen sein, fürchte ich.) Werde ich Schweizerdeutsch verstehen?
Ich denke daran, wieviel teurer das Uni-Ballett in der Schweiz ist, als hier und dass ich es dann einmal hier und einmal dort bezahlen muss. Damit ich im Ausland überhaupt Sport machen kann und wenn ich wieder da bin. Ich werde maximal zweimal pro Woche Sport machen können (wenn ich noch eine weitere kostenlose oder zumindest sehr günstige Sportart dazu nehme). Krankengymnastik werde ich da nicht machen können, was hoffentlich nicht zu schlimm wird. Außerdem muss meine Beißschiene durchhalten – Ende August wird die nochmal gecheckt, doch eigentlich muss da alle 3 Monate neues Material drauf … durch die Schweiz liegen da aber locker 4 zwischen.

Auf jede Fall wird es weiterhin Videos und Blogbeiträge geben, da meine Kamera mitkommt und ich auch meinen Uralt-Laptop mitnehme… ich bin mir jetzt schon sicher, dass das Videoschneiden darauf die reinste Freude wird… nicht.

Zudem stellte sich die Frage nach Lesestoff. Mitnehmen? Digital lesen? Ich hasse digtiales lesen, sogar sehr.
ABER: Die Verlage sind suuuuper lieb und ein paar haben schon zugesagt, mir die Bücher entweder entsprechend vorher zu schicken, oder sie mir einfach in die Schweiz zu schicken- wie cool ist das denn bitte? Dementsprechend werde ich nur was für die Zugfahrt und ca. 1 normale Woche mitnehmen (zur Not habe ich immer noch 2 eBooks auf meinem Tablet). Ansonsten nehme ich mir noch die Harry Potter Filme mit, falls ich mich einsam fühle- die Bücher wären wohl etwas schwer.
Ich hoffe so sehr, dass ich mich gut einlebe, meine MitbewohnerInnen nett sind, meine Knie mich in Ruhe lassen, ich den Stoff verstehe, Spaß habe und auch sonst es … wenigstens gut wird. Ich erwarte nicht, dass es meine Persönlichkeit verändert oder die geilste Zeit meines Lebens wird oder so. Aber solang es einigermaßen cool wird und mich fachlich weiter bringt, bin ich zufrieden.

ich habe mir übrigens ein Notizbuch geschnappt und zum BullettJournal umgewandelt… mal sehen, ob das klappt^^

Und danach?

Mal sehen, wie es sein wird, Weihnachten wieder nach Hause zu kommen.
Die Bahnfahrkarten hin sind gekauft, die zurück kann ich noch gar nicht kaufen.
Es wird sicherlich merkwürdig sein, wieder bei meinen Eltern zu wohnen. Bei meiner Schwester habe ich ja gesehen, dass es etwas gedauert hat, als sie aus Kamerun  wieder kam.
Ich werde versuchen, mir ein Praktikum für den Winter und die vorlesungsfreie Zeit zu besorgen. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird?
Wart ihr schon mal eine längere Zeit im Ausland?